20 Jahre Deutsche Einheit – Stand und Perspektiven

Bild vergrößern Die Deutsche Botschaft veranstaltete zusammen mit dem Büro der Friedrich Ebert Stiftung und der deutschsprachigen Andrássy-Universität Budapest einen Panel zum 20 jährigen Jubiläum der Deutschen Einheit.

Ist, wie der frühere Bundeskanzler Willy Brandt formulierte, zusammengewachsen, was zusammengehört? Wie weit ist der Aufbau der neuen Länder zwischen Ostsee und Erzgebirge gediehen? Wie ist das Verhältnis zwischen „Ost- und West“? Wie gehen die Deutschen mit den Erfahrungen aus der SED-Diktatur um? Wo steht Deutschland in Europa und in der Welt? Und: Was bleibt noch zu tun- was sind die Perspektiven?

Darüber diskutierten am 28. Oktober deutsche, ungarische und amerikanische Experten aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in der Andrássy Uni.

Bild vergrößern Bei der Eröffnung zitierte die deutsche Botschafterin Dorothee Janetzke-Wenzel den Präsidenten des deutschen Bundestages, Dr. Norbert Lammert: „Wir Deutschen haben auch bei selbstkritischer Betrachtung der 20 Jahre seit dem 3. Oktober 1990...alle miteinander Anlass zu stillem Stolz und lautem Dank“. Denn zur Wiedervereinigung hätten viele Menschen beigetragen, so die deutsche Botschafterin. Die deutsche Einigung wäre ohne die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und die europäische Friedensbewegung nicht denkbar gewesen. Und nicht ohne Ungarn, das die Grenze als erstes Land geöffnet habe. Es sei die Gemeinschaftsleistung aller Deutschen, dass der Aufbau der neuen Länder so schnell vorangebracht und Deutschland ein in der Welt geachtetes Land geworden sei. Dabei hätten die Deutschen auch gelernt, da dass manches länger dauere als erhofft und dass die deutsche Einheit nicht für alle so verlaufen sei, wie sie sich das vorgestellt hätten. Die Botschafterin weiter: Zukünftig gehe es darum, die Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland anzugleichen und die Einheit auch in unserem Denken zu vollenden. Deutschland sehe für sich eine große Verantwortung die Welt friedlicher und lebenswerter zu gestalten und die Integration der Europäischen Union voranzubringen.

Bild vergrößern Dr. Jackson Janes vom American Institute of Contemporary German Studies an der John Hopkins Universität in Washington D.C. und langjähriger Deutschlandkenner beleuchtete aus transatlantischer Sicht vor allem die neue außenpolitische Rolle Deutschlands. Sein Résumée: Deutschland habe sich aus amerikanischer Sicht vom Objekt amerikanischer Außenpolitik zum Subjekt entwickelt, mit dem man auf gleicher Ebene die neuen globalen Herausforderungen angehe. Es zähle heute zu den wohlhabendsten und am meisten respektierten Nationen der Welt.

Bild vergrößern Dr. Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach sprach über die Einstellungen der Deutschen zum Thema Deutsche Wiedervereinigung. Das Urteil darüber falle überwiegend positiv aus. Eine eindeutige Mehrheit sehe die deutsche Wiedervereinigung als einen Anlass zur Freude und sei davon überzeugt, dass das Zusammenwachsen gelinge. Auch die von Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ seien nach Ansicht vieler inzwischen Wirklichkeit geworden.

Bild vergrößern Auf dem Wirtschaftspanel vertrat Prof. Sinn vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung die Auffassung, eine falsche Lohnpolitik mit zu schneller Lohnangleichung an Westlöhne habe dazu geführt, dass der wirtschaftliche Aufbau der neuen Länder nicht in der Fläche gelungen sei. Man habe so auch Standortvorteile verspielt. Demgegenüber vertrat Prof. Paqué, früherer Finanzminister von Sachsen-Anhalt, die Auffassung, es habe keine andere Wahl bestanden, andernfalls hätte eine Massenabwanderung aus Ostdeutschland stattgefunden. Sein Fazit: Die volkswirtschaftliche Bilanz nach 20 Jahren Deutsche Einheit sei beachtlich; Ostdeutschland sei ein höchst wettbewerbsfähiger Industriestandort geworden. Zentrale Herausforderungen blieben die Verringerung des Abstandes in der Arbeitsproduktivität zum Westen sowie die Stärkung der Fähigkeit der neuen Länder, aus eigener Kraft eine Industriepolitik mit hoher Innovationskraft zu betreiben. Dr. Herbert Fisch, Vizepräsident der BASF für Südosteuropa stellte Bezüge zwischen der Situation in den neuen Ländern und derjenigen in Ungarn her und unterstrich dass hier wie dort Innovation bei Kernthemen wie Bildung, Gesundheit, Energieeffizienz für die wirtschaftliche Entwicklung entscheidend seien.

Bild vergrößern Der zweite Panel beschäftigte sich mit Politik und Gesellschaft im wiedervereinigten Deutschland. Der Präsident der Viadrina- Universität in Frankfurt an der Oder und frühere Staatssekretär im Auswärtigen Amt Dr. Gunter Pleuger sprach zur gewachsenen internationalen Rolle Deutschlands, mit der Übernahme größerer Verantwortung und einer stärkeren deutschen Rolle in der Europäischen Union. Diese Entwicklung sei im Bereich der Verteidigungspolitik von einem schwierigen Wandel der politischen Psychologie in Deutschland begleitet gewesen. Der letzte Außenminister der früheren DDR, Markus Meckel, berichtete über den Prozess der Wiedervereinigung und betonte, die Deutsche Einheit sei erst durch das Freiheitsstreben der Ostdeutschen möglich geworden und nicht umgekehrt, wie gelegentlich behauptet. Der Journalist und Autor Robert Ide führte aus, dass der „Osten“ sich selbst nicht verstehe und das „Erzählen“ lernen müsse, das müssten die Kinder von ihren Eltern einfordern. Nur so könnten die Ostdeutschen ihre Geschichte aufarbeiten.

Bild vergrößern Zum Schluss der Veranstaltung sprach der bekannte ungarische Schriftsteller und Autor Görgy Dalos zum Thema „Das vereinte Deutschland in Europa“. Sein Fazit: Die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten sei nicht nur die beste, sondern auch die einzig mögliche Lösung der deutschen Frage gewesen. Die Frage bestand und bestehe weiter, wie man aus dieser einzig möglichen Lösung das Beste für Deutschland und für Europa herausholen könne.

20 Jahre Deutsche Einheit – Stand und Perspektiven