Chronik der Geschichte der Grenzöffnung in Ungarn

Januar 1989

21. Januar

Die Kommunisten verzichten auf ihre in der Verfassung verankerte Führungsrolle in der Volksrepublik Ungarn

28. Januar

Imre Pozsgay bezeichnet in einer Radiosendung den Aufstand von 1956 als Volksaufstand

Februar 1989

11./12. Februar

Das Zentralkomitee der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP) beschließt im Grundsatz die Einführung eines politischen Mehrparteiensystems

13. Februar

Bei einem Treffen mit dem österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky informiert Ministerpräsident Miklós Németh, dass der Eiserne Vorhang abgebaut und ein Mehrparteiensystem eingeführt werden soll

28. Februar

MSZMP nimmt einen Vorschlag von Innenminister István Horváth an, den Eisernen Vorhang abzubauen

März 1989

03. März

Offizieller Besuch von Ministerpräsident Miklós Németh in Moskau, bei der in einem Gespräch mit Generalsekretär Michail Gorbatschow erstmals über den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn, den Abzug sowjetischer Nuklearsprengköpfe, die Einführung eines Mehrparteiensystems, Ungarns Absicht, der Genfer Flüchtlingskonvention beizutreten sowie den Abbau des Eisernen Vorhangs spricht (Aus der geplanten halben Stunde Gesprächsdauer werden 2 1/2.)

15. März

Opposition verliest ihre 12 Punkte auf dem Freiheitsplatz

17. März

Ungarn tritt als 106. Land der Genfer Flüchtlingskonvention bei

23. März

Das ungarische Parlament beschließt eine Neuregelung des Streikrechts, Teilnehmer an zulässigen Arbeitsniederlegungen dürfen nicht mehr bestraft werden

Mai 1989

02. Mai

Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze 1989 Bild vergrößern Demontage des Grenzzauns nahe Nickelsdorf (Österreich) und Hegyeshalom (Ungarn) am 2. Mai 1989 (© picture-alliance / dpa) Die ungarische Regierung kündigt den Abbau der Grenze nach Österreich an.

08. Mai

Das Zentralkomitee setzt den ehemaligen Parteichef János Kádár als Ehrenpräsident ab; damit verliert er seine letzte Parteifunktion

10. Mai

Ministerpräsident Németh bildet sein Kabinett um, Gyula Horn wird Außenminister

13. Mai

Die ungarische Regierung beschließt eine sofortige Einstellung der Bauarbeiten am Donaukraftwerk Nagymaros

16. Mai

Eine interne Analyse des ungarischen Außenministeriums berichtet von wachsendem Druck auf die DDR, ihre Bürger ausreisen zu lassen, die dortige Atmosphäre verschlechtere sich immer mehr. Eine wachsende Zahl von DDR-Bürger reist nach Ungarn, im Januar und Februar 1989 besuchen 224.000 DDR-Bürger Ungarn, in gleichem Maße wächst die Zahl der illegalen Grenzübertritte

18. Mai

Die Regierung beschließt den Abbau des Eisernen Vorhangs und das Ende der eines grenznahen Bereichs zum 31. Juli 1989

29. Mai

Um ihre Ausreise zu erzwingen, flüchtet eine 3-köpfige DDR-Familie in die bundesdeutsche Botschaft Budapest, in der sich bereits weitere DDR-Bürger (mindestens 12) aufhielten

Juni 1989

09. Juni

Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher führt in Budapest Gespräch mit Außenminister Gyula Horn und wird auch von Ministerpräsident Miklós Németh empfangen

12. Juni

Ungarns offizieller Beitritt zur Genfer Flüchtlingskonvention. – Stasi-Delegation führt Gespräche mit dem ungarischen Geheimdienst

13. Juni

Vertreter von Regierung und Opposition nehmen Gespräche am runden Tisch auf

20. Juni

Bei einem Treffen in Debrecen spricht Ferenc Mészáros vom Ungarischen Demokratischen Forum ein Paneuropäisches-Picknick an, eine Idee von Mária Filep. "Picknick am Eisernem Vorhang", es soll ein Gespräch werden, bei dem ein Teil der Gesprächspartner auf der ungarischen, ein anderer Teil auf der österreichischen Seite sitzen soll, um die Unterschiedlichkeit der an den Westgrenzen einzelner osteuropäischer Länder herrschenden Zustände zu demonstrieren. Das Gespräch soll unter der Schirmherrschaft von Imre Pozsgay und Otto von Habsburg stehen.

24. Juni

Der Reformpolitiker Rezső Nyers wird zum Vorsitzenden des neu geschaffenen Parteipräsidiums der MSZMP gewählt.

27. Juni

Mock und Horn durchtrennen 1989 den Eisernen Vorhang Bild vergrößern Ein historischer Moment: Alois Mock (l), Österreichs Außenminister, und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn (r) beim Durchtrennen des Eisernen Vorhanges am 27.06.1989. +++(c) dpa - Report+++ (© picture-alliance/ dpa) Der ungarische und der österreichische Außenminister, Gyula Horn und Alois Mock, schneiden demonstrativ – vor laufenden Kameras – ein Loch in den Grenzzaun

Juli 1989

06. Juli

In Budapest verstirbt János Kádár

16. Juli

Es erscheinen Zeitungsberichte über 30 DDR-Bürger in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Budapest, die ihre Ausreise erzwingen wollen

22. Juli

Durch eine Nachwahl kommt erstmals seit 1947 ein Oppositionspolitiker ins Parlament

31. Juli

Koordinierungstreffen des Ungarischen Demokratischen Forums (MDF) in Sopron für das Picknick am 19. August. Die Vereinigung Freier Demokraten (SZDSZ), der Bund der Jungen Demokraten (Fidesz) und die FKGP schließen sich der Initiative an und unterstützen es, dass László Magas von der MDF und Zsolt Szentkirályi (SZDSZ) Organisatoren des Picknicks werden

August 1989

01. August

Der 2 km lange Grenzbereich wird aufgehoben – jedermann darf die Grenze ohne Einschränkungen überschreiten

07. August

Immer mehr DDR-Bürger kampieren in der bundesdeutschen Botschaft und Konsulat im Budapester 12. Bezirk

13. August

Die bundesdeutsche Botschaft in Budapest muss auf Geheiß des Auswärtigen Amtes wegen Überfüllung geschlossen werden – es halten sich dort inzwischen ca. 180 DDR-Bürger auf

13. August

Demonstration in Budapest am Jahrestag des Mauerbaus, an der auch 50 DDR-Bürger teilnahmen, wie auch ein Bericht des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) kritisch vermerkt.

13. August

Staatssekretär Jürgen Sudhoff reist in Begleitung seines Büroleiters und heutigen deutschen Botschafters in Budapest Matei I. Hoffmann nach Budapest. Er versucht, sich im Gespräch mit den Flüchtlingen ein Bild von der Stimmung und den Verhältnissen im Gebäude zu machen

14. August

Staatssekretär Sudhoff führt Gespräche mit Außenminister Horn und Staatssekretär Kovács. Da die ungarische Seite auf den Vorschlag, eine Lösung über den Hochkommissar für Flüchtlinge (UNHCR) zu erwirken, nicht eingehen konnte (die DDR-Bürger waren im Sinne des UNHCR keine registrierten Flüchtlingen, sie hatten Asylrecht weder bekommen noch beantragt; Ungarn betrachtete sie deshalb als Feriengäste), einigte man sich, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) als Vermittler einzuschalten.

15. August

Außenminister Genscher und Bundeskanzler Kohl werden über die Lage unterrichtet

16. August

Staatssekretät Sudhoff nimmt Kontakt zu IKRK Präsident Cornelio Sommaruga und zum österreichischen Präsidenten Thomas Klestil auf, Außenminister Horn bittet das IKRK ebenfalls um Unterstützung. Staatssekretät Sudhoff kehrt zurück nach Budapest, bespricht mit Außenminister Horn die geplante Evakuierung der Botschaft. Die beiden einigen sich, dass Ungarn zukünftig auf Stempel in den Reisedokumenten gefasster DDR-Bürger verzichten werde.

18. August

IKRK-Vertreter führen Gespräche in Budapest, um die Ausfuhr der in die bundesdeutsche Botschaft geflüchteten DDR-Bürger nach Österreich zu organisieren.

19. August

Massenflucht von DDR-Bürgern nach Österreich Bild vergrößern Österreichische Grenzbeamte öffnen ein Grenztor. Etwa 500 DDR-Bürger nutzten ein paneuropäisches Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze, bei dem ein Grenztor symbolisch geöffnet wurde, zur Flucht in den Westen. (© picture-alliance/ dpa) Paneuropäisches Picknick in Sopronpuszta. Die Schirmherren Imre Pozsgay und Otto von Habsburg sagen ihre persönliche Teilnahme ab. Die Dienstanweisung der ungarischen Grenzwache wird auf Anweisung des Ministerpräsidenten Miklós Németh für diesen Tag aufgehoben. Das Picknick wird von mehr als 600 DDR-Bürger zur Flucht genutzt.

20. August

In der Nähe von Szentgotthárd hinterlassen etwa 40-50 DDR-Bürger ihre Wagen. Sie öffnen für sich den Weg zwischen den Grenzwächtern und rennen ins österreichisches Gebiet über. Die Kontrollen an der Westgrenze werden verstärkt.

21. August

Der DDR-Bürger Kurt-Werner Schulz erleidet während der Flucht einen Todesunfall bei Kőszeg. – Ministerpräsident Miklós Németh ruft Bundeskanzler Helmuth Kohl während seines Urlaubs in Österreich an und teilt ihm mit, dass kein einziger Deutsche in die DDR zurückgeschickt wird.

22. August

Minister fassen eine prinzipielle Entscheidung über die Grenzöffnung. Teilnehmer der Besprechung: Ministerpräsident Miklós Németh, Innenminister István Horváth, Außenminister Gyula Horn, Staatssekretär im Justizministerium Gyula Borics, zwei Mitarbeiter des Ministerpräsidenten György Jenei und László Mohai.

24. August

Die 108 Flüchtlinge, die in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Budapest geblieben sind, werden mit einem vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) gemieteten Flugzeug, in der Nacht, vom Flughafen Ferihegy ausgeflogen. Sie haben Reisedokumente des Roten Kreuzes erhalten, die Gruppe landet in Schwechat bei Wien. Die Ankömmlinge werden mit Bussen des Österreichischen Roten Kreuzes nach Deutschland gebracht. Die Flüchtlinge überqueren die westdeutsche Grenze bei Passau um 07.00 Uhr morgens.

23. August

Im Raum von Sopronpuszta wollen etwa 150 DDR-Flüchtlinge die ungarisch-österreichische Grenze passieren, aber die ungarische Grenzwache verhindert sie daran.

24. August

Nach einer Sitzung des Ministerrates gibt Außenminister Gyula Horn den ungarischen Standpunkt bezüglich der Evakuierung der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Budapest bekannt, er sagt, die humanitären Aspekte hätten in der Sitzung im Vordergrund gestanden.

25. August

Ministerpräsident Miklós Németh, Außenminister Gyula Horn, István Horváth, ungarischer Botschafter in Bonn, die beiden Berater György Jenei und László Mohai, sowie eine Dolmetscherin treffen im Schloss Gymnich Bundeskanzler Helmuth Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Hier gibt Ministerpräsident Németh den Gastgebern den Fakt der Grenzöffnung bekannt. Miklós Németh bittet Bundeskanzler Kohl, dass die Bundesrepublik Deutschland Ungarn bei der Annäherung des Landes zur Europäischen Gemeinschaft Hilfe leistet.

Bundeskanzler Kohl ruft den Generalsekretär der SKP Michail Gorbatschow an, um ihn zu fragen, ob er damit, was von ungarischer Seite geplant wird, einverstanden ist. Gorbatschow antwortet nur so viel: „Der ungarische Ministerpräsident Miklós Németh ist ein guter Mensch.“ Kohl ruft auch den österreichischen Kanzler Franz Vranitzky an, der erklärt: „Österreich ist bereit mit Ungarn, bei der Versorgung und Transport der DDR-Flüchtlinge in die Bundesrepublik zusammenzuarbeiten“.

31. August

Außenminister Gyula Horn reist nach Berlin, um dort ein letztes, erfolgloses Gespräch mit der DDR-Führung zu führen.

September 1989

01. September

Außenminister Gyula Horn weist den ungarischen Botschafter in Bonn, István Horváth, an, dass er dem Bundeskanzler oder dem Außenminister mitteilt, dass die Flüchtlingskrise in 10 Tagen gelöst wird.

01. September

Der DDR-Botschafter in Ungarn, Gerd Vehres, besucht das Flüchtlingslager in Csillebérc, und aufgrund seiner dortigen Erfahrungen erstattet er Bericht nach Berlin, dass die Massenausreise zwischen dem 04-06. September 1989 beginnen kann.

04. September

Ministerpräsident Miklós Németh ruft den Mitarbeiter von Bundeskanzler Helmut Kohl, Horst Teltschik an, dass ein neuer Termin vereinbart wird. Horst Teltschik bittet um Zeit, er ruft ihn zurück und schlägt den Termin vom 10. September vor. Németh akzeptiert diesen Termin.

07. September

Außenminister Gyula Horn empfängt den Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Budapest, Alexander Arnot, und den Beauftragten von Außenminister Genscher, Michael Jansen, und er teilt ihnen mit, dass am 10. September bekannt gegeben wird, dass die Grenzöffnung an dem Tag, um 24.00 Uhr beginnt.

10. September

In der Sendung „Hét“ im Ungarischen Fernsehen gibt Außenminister Gyula Horn die Tatsache der Grenzöffnung bekannt.

11. September, um 00.00 Uhr 01. Sek.

Die Grenze wird geöffnet.

In dieser Sonntagnacht passieren – nach Schätzungen – etwa 5000 DDR-Flüchtlinge die Grenze. Diese Zahl steig bis Dienstag auf 15.000. Erster DDR-Flüchtling aus Ungarn in Passau Bild vergrößern Der 39-Jährige Ost-Berliner Gerhard Meyer zeigt am Kontrollpunkt Passau die Ausweise vor (© picture-alliance/ dpa)

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DDR-Übersiedler in Österreich