Veranstaltung an der Andrássy Universität: „Staatenzerfall als Herausforderung für die Diplomatie – Das Beispiel Libyen“

Es ist sechs Jahre her, dass Machthaber Muammar al-Gaddafi gestürzt wurde. Rivalisierende Machtzentren und schwelende Konflikte zwischen den verschiedenen Volksgruppen machen es noch immer schwer, verlässliche Ansprechpartner in Libyen zu finden.

Das ist jedoch unbedingt erforderlich, um die großen Herausforderungen zu meistern, vor denen Europa steht:

  • Aufbau eines stabilen Rechtsstaates in Libyen als Voraussetzung für die Bekämpfung von Terrorismus und organisierter Kriminalität
  • Zusammenarbeit in Migrationsfragen.

Über diese Fragen und das übergeordnete Thema des Staatenzerfalls als Herausforderung für die Diplomatie diskutierten am 30.10.2017 in der Andrássy-Universität Budapest mehrere Experten, Bild vergrößern darunter Botschafter Volkmar Wenzel, der langjährige Deutschland-Korrespondent von „La Repubblica“ Andrea Tarquini sowie der ehemalige deutsche Botschafter in Libyen Dr. Christian Much.

Dr. Much leitete von 2013 bis 2016 die Deutsche Botschaft in Tripolis und gab den anwesenden Gästen und Studierenden einen umfassenden Überblick über die Geschichte und aktuelle Situation des Landes. Geleitet wurde die Diskussionsrunde von Professor Dr. Ulrich Schlie, Leiter des Zentrums für Diplomatie an der Andrássy-Universität Budapest.

Visionen für einen effektiven Wandel entwickeln

Botschafter a.D. Christian Much hob in seiner Rede hervor, dass Libyen ein homogener, aber stark fragmentierter Staat sei. In den 1960er-Jahren sei das nordafrikanische Land durch einen starken Anstieg der Erdöl und Erdgasexporte zu plötzlichem Reichtum gelangt, jedoch habe es nie wirklich funktionierende und ausreichend legitimierte politische Institutionen gegeben, um diesen Reichtum zu verwalten und zu verteilen. Nach dem Sturz Gaddafis 2011 sei das fragile Machtgefüge schließlich kollabiert und habe den fortschreitenden Staatszerfall in Libyen eingeleitet.

Seitdem behinderten rivalisierende Machtzentren, lokale und korrupte Eliten sowie regionale Einflussnahme mehrerer umliegender Länder die Entwicklung eines stabilen Staates in Libyen und hätten den Zusammenbruch der Wirtschaft und eine humanitäre Notlage für die libysche Bevölkerung zur Folge, so Botschafter Much. Bild vergrößern Die Herausforderung für die Diplomatie in einer solchen Situation bestehe vor allem darin, eine realistische Vision für einen effektiven Wandel zu entwickeln und diese in Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Partnern auch durchzuführen.Botschafter Wenzel betonte die zentrale Lage der nordafrikanischen Staaten, wie Libyen und Marokko, als Transitländer für afrikanische Migranten auf dem Weg nach Europa. Die EU habe daher ein fundamentales Eigeninteresse an der Stabilisierung dieser Region. Deutschland sei dabei nicht durch eine Kolonialgeschichte belastet und könne als neutraler Vermittler agieren.

Andrea Tarquni kritisierte die „Alleingänge“ der ehemaligen Kolonialmacht Italien in Libyen und warnte zudem vor dem Einfluss Russlands in der Region, der auf eine Schwächung Europas abziele. Das größtenteils aus Studierenden bestehende Publikum konnte mit Fragen an die Experten an der Podiumsdiskussion teilnehmen. Ein abschließender Empfang bot Gelegenheit für weiterführende Diskussionen und Gespräche.